Position der DGGPP zur aktuell von der DGPPN vorgeschlagenen Schwerpunktweiterbildung
Der Artikel "Überlegungen der DGPPN zu einer künftigen Muster-Weiterbildungsordnung des psychiatrisch-psychotherapeutischen
Fachgebietes" im Nervenarzt (1999, 70: 1124 - 1125) bedarf aus Sicht der DGGPP und des Fachreferates Gerontopsychiatrie der
DGPPN dringend der Ergänzung.
Nach wie vor begrüßen wir die Zielsetzung der Fachgesellschaft, über eine Basis-Weiterbildung hinaus spezielle
Schwerpunkte einzuführen. Leider ist in dem jetzt veröffentlichen Modell ein sehr deutlicher Entwicklungsrückschritt
gegenüber den Bemühungen der Fachgesellschaft während der letzten beiden Legislaturperioden zu konstatieren. Damals waren
bereits detaillierte Ausarbeitungen von Richtlinien einschließlich Durchführungsbestimmungen zur Weiterleitung an
die Ärztekammern vorgelegt und 1997 in einem Nervenarzt-Artikel veröffentlich worden (Nervenarzt 9/97). Weder die
gerontopsychiatrische Fachgesellschaft, noch das Referat Gerontopsychiatrie der DGPPN, sind vor den jetzt veröffentlichten
Überlegungen um Stellungnahme angefragt gewesen. Sehr befremdlich ist zudem die Tatsache, dass die Beschlüsse der
Mitgliederversammlung der DGPPN in Dresden vom 07.05.1999 in keiner Form Eingang in die aktuelle Diskussion gefunden haben,
nach denen der Schwerpunkt Gerontopsychiatrie mehrheitlich von den Mitgliedern angenommen worden war.
Die Einführung von Schwerpunkten in den medizinischen Fachgebieten, auch in der Psychiatrie, folgt einer logischen
Entwicklung und ist immer Endpunkt einer lange eingeleiteten fachlichen Weiterentwicklung und der sich daraus ergebenden
Spezialisierungen und Qualifikationen. Wohl kaum eine Subspezialität in der Medizin ist dabei auf so massiven Widerstand
gestoßen, wie der Schwerpunkt Gerontopsychiatrie in der Psychiatrie. Viele dieser Hürden auf unterschiedlichen Ebenen waren
auf dem Weg zu den Dredener Beschlüssen bereits überwunden gewesen. Das seinerzeitig überzeugende Argument, dass der
internationale Wissenszuwachs auf gerontopsychiatrischem Gebiet in den letzten Jahrzehnten so weit fortgeschritten sei,
dass es unverantwortlich wäre, die Einführung dieses Schwerpunktes an Honorierungsfragen scheitern zu lassen, scheint uns
stichhaltiger denn je!.
Während des Studiums - und insbesondere während der psychiatrischen Weiterbildungszeit - fehlt es nach wie vor an
entsprechenden Qualifizierungsstandards- für Alterspsychiatrie. Die Möglichkeit, diese über ein einfaches Weiterbildungsbaustein-System
integriert in der Facharztweiterbildung zu erwerben, wird dem enorm angestiegenen Wissenszuwachs bei weitem nicht
mehr ge-recht. Für die Alters-psychiatrie sind diese Weiterbildungsmängel bereits 1975 in der ersten Enquête und erneut
1988 in der Expertenkommission beschrieben worden. Auf die Behebung dieser angemahnten qualitativen Mängel gerichtete
Arbeit wurde sowohl von dem ent-sprechenden Fachgremium in der DGPPN, als auch im Rahmen der DGGPP geleistet. Es ist
festzuhalten, daß es auch bei der Einführung von Schwerpunkten in somatischen Fächern nach unserem Kenntnisstand nicht
darum gegangen ist, Leistungsziffern auszugrenzen, sondern darum, die Weiterentwicklung der medizinischen Wissenschaft zu
fördern und spezielle Kompetenzen weiterzuentwickeln.
Es geht auch nicht, wie gelegentlich vermutet, um eine Skelettierung der Basispsychiater. Gerade die absehbare
epidemiologische Entwicklung und der Wissenszuwachs der Gerontologie erzwingen ein neues Verständnis der Gerontopsychiatrie.
Unser Fach kann nicht mehr länger pragmatisch als "Fortsetzung der Erwachsenenpsychiatrie" verstanden werden. Es verfügt
vielmehr über eine an den Bedürfnissen der alten Patienten orientierte, eigenständige und mehrdimensionale Sicht und
Vorgehensweise, deren Qualität durchaus derjenigen vergleichbar ist, die die Kinder- und Jugendpsychiatrie als eigene
Fachspezialität qualifiziert. Dieser Erkenntnis entsprechend müssen zusätzlich fachliche Qualifikationsmöglichkeiten
eingerichtet werden, die auf den Erwerb spezieller Kenntnisse auf somatischem, pharmakologi-schem, psychologischem,
psychiatrischem und sozialem Gebiet zielen.
Eine reine Baustein-Weiterbildung erscheint deshalb grundsätzlich nicht ausreichend für dieses inzwischen
hochspezialisierte psychiatrische Subgebiet. Darüber hinaus ist eine kompetente Gerontopsychiatrie auch ein Garant
für ein starkes Fachgebiet Psychiatrie, da nur sie der inhaltlich nicht ausgewiesenen Konkurrenz anderer medizinischer
Fachdisziplinen um ältere psychisch kranke Menschen glaubhaft begegnen kann. Dies bedeutet praktisch, dass die
Geriatrie nicht die Aufgaben der Gerontopsychiatrie übernehmen kann und darf.
Die hier dargelegte Position steht in Übereinstimmung mit den gemeinsamen Consensus-Statements von WHO und WPA, in denen
dringend der Weiterbildungsschwerpunkt Gerontopsychiatrie eingefordert wird (WHO/MNH/MND/96.7).
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